New York hat mich auf den ersten Blick zu einem ihrer vielen Jünger gemacht. Es war geradezu so, als hätte ich eine Begegnung mit dieser Stadt schon lange herbeigesehnt und so ließ ich mich, berauscht von den ersten Impressionen, in ihrem Meer aus Beton, Stahl und Glas treiben. Doch nebst der Faszination bescherte mir die Stadt auch Einsichten, die mich zutiefst beunruhigten.
euphoria
Es ist der Tag nach meiner Ankunft und ich stürze mich in das Gedränge Manhattans. Ich will wissen, was es mit dieser sagenumwobenen Metropole auf sich hat, und ob sie hält, was sie in den Geschichten vieler Freunde und Bekannter verspricht.
Sie hält es.
Völlig hingerissen von der Vielfalt der Hautfarben und Sprachen und von der Imposanz der tiefen Häuserschluchten bewundere, begutachte und staune ich in wechselnder Reihenfolge immer und immer wieder.
Zuvorderst ist es sicherlich die Ästhetik des Überdimensionalen, die mir eine ungeheure Ehrfurcht einflößt. Vom Café, den ich als 0,75 Liter Portion serviert bekomme, weil ich aus Versehen medium statt small (was konsequenterweise tall geheißen hätte) bestellt habe. Über den Krankenwagen, der trotz eingeschalteter Sirene nicht vom Fleck kommt, weil er schlichtweg zu breit für die engen Straßen ist, bis zu den Betonwänden, die mich immer nur einen Ausschnitt des Himmels sehen lassen. Die puren Dimensionen dieser Weltstadt bewirken, dass meine Vorstellung von Urbanität in einem neuem Licht erscheint.
Doch ist das nicht alles.
Auch New Yorks Lässigkeit stellt dasjenige in den Schatten, was ich bisher zu Gesicht bekam:
dass ein Mann mit Kippa, qualmender Zigarre und lauter Elektromusik in seiner Mercedes M-Klasse die 6th Avenue runterdonnert und ein sichtlich angestrengter Chinese ihm mit seinem Pritschenwagen voller Kisten und Holz auf gleicher Straße folgt, erscheint einem hier nicht als Widerspruch.
Im Gegenteil! Denn daneben wirbt ein Juwelier mit deutschem Namen auf einer Werbetafel für seine Diamantensammlung, während derweil ein einsamer Musiker versucht, Kostproben seines neuen hip-hop Albums zu geben, das man vor Ort gleich für 10$ kaufen kann. Alleine dass diese Szenen parallel ablaufen und schon 20 Meter weiter eine Tanzgruppe ihre Koreographie einstudiert, verleiht diesem Ort die Aura eines multikulturellen Urknalls, in dessen Angesicht ich selbst Worte meines Basiswortschatzes (cool!!) einer neuen Definition unterziehen muss.
Hier ist auf den ersten Blick niemand aus Gründen, für die er nichts kann, Fehl am Platze. Jede Form des menschlichen Daseins wird mit einer Selbstverständlichkeit hingenommen, die mich zutiefst bewegt.
Doch trotz meiner euphorischen Stimmungslage, macht sich in mir schon seit meiner Ankunft eine Ahnung der Unbehaglichkeit breit. Kurioserweise, und das irritiert mich zusätzlich, leite ich dieses mulmige Empfinden in keiner Weise aus den Menschen oder der Stadt an sich ab. Vielmehr kommt es mir sogar so vor, als würde meine Bewunderung für New York meine Beklommenheit eher verstärken.
cogitatio
Es beginnt an diesem Nachmittag in Strömen zu regnen und so suche ich Zuflucht in einem der zahlreichen bagel-shops Manhattans. Ich bestelle einen Café, kaufe die New York Times, lese zwei oder drei Artikel, die mir interessant erscheinen und verbringe doch letztenendes die meiste Zeit damit, verträumt dem fesselnden Gewusel auf der Straße hinterher zu schauen.
Zum ersten Mal seit meiner Ankunft komme ich wirklich zur Ruhe und lasse die Welt samt meiner Gedanken an mir vorbeiziehen. Es amüsiert mich in diesem Augenblick ungemein, daran zu denken, dass es überall auf der Welt eine Vorstellung von Normalität gibt und dass jeder stets auf die Besonderheit seiner Normalität pocht.
Auch hier scheint im Augenblick alles so wie immer zu sein: die Taxis biegen emsig in die unzähligen Einbahnstraßen ein, die Gullis dampfen vor sich hin, fast jeder hat es unglaublich eilig und ich sitze auf einem Fensterplatz, auf den sich vielleicht schon jemand anders gefreut hatte.
Seit über einem Jahr habe ich auf diese Reise hingearbeitet und mich wochenlang vorbereitet und ich bin doch nur wieder im Alltag angekommen – auf der anderen Seite des Atlantiks. Für einen kurzen Augenblick beruhigt mich dieser Gedanke, zumal ich auf Anhieb einen großen Gefallen an dem finde, was ich hier als Alltag ausmachen kann.
Alltag.
An das, was normal ist, habe ich seit meiner Ankunft noch gar nicht gedacht – gar nicht denken können – war ich doch stets mit dem für mich Außergewöhnlichen beschäftigt.
Schlichtweg Alltag. Nicht mehr und auch nicht weniger.
Es geht mir durch den Kopf, wie ich kürzlich noch in Berlin überlegte, was mich wohl auf der anderen Seite des Atlantiks erwarten würde, und dabei fällt mir auf, dass ich primär davon ausgegangen bin, in einem Land anzukommen, dass sich im Kriegszustand befindet. Damit mich keiner falsch versteht: ich war nicht so naiv zu glauben, dass ich in New York oder Philadelphia ausgebombte Häuser vorfinden würde. Meine Erwartungen waren eher abstrakt und ich hatte mir ausgemalt, dass der Krieg hier so etwas wie das implizite Vorzeichen aller gesellschaftlichen Realität sein würde. Ich war mir sogar sicher, dass ich ein Land antreffen würde, welches von seinen politischen Fahlentscheidungen der letzten Jahre gezeichnet ist. Ein Land, das mit sich selber am Hadern ist, weil die Einteilung der Welt in ‚gut’ und ‚böse’ immer mehr zu einer lächerlichen Floskel verkommt.
Aber Alltag? Daran hatte ich zugegebenermaßen nie gedacht.
Das mulmige Gefühl, das mich seit meiner Ankunft am Flughafen bereits begleitet, konkretisiert sich nun mehr und mehr. Wahrlich unzählige Male und zeitweise ausschließlich habe ich in den letzten vier Jahren das Wort “Krieg” im Zusammenhang mit den USA gehört, gelesen oder selber in den Mund genommen und dabei stets ganz bestimmte Assoziationen entwickelt: Unruhe, Turbulenzen, Verzweiflung, Zerstörung, Tot.
Aber Alltag? Nein.
Und plötzlich, da ich die USA mit meinen eigenen Sinnen wahrnehme, will mir partout nichts auffallen, was auch nur im Entferntesten auf einen Krieg hindeutet. Kein Plakat, keine Aufkleber und bisher auch keine Tageszeitung, die diesem Thema auf ihrer Titelseite Aufmerksamkeit widmet.
Nichts. Alltag.
Ich versuche mir vorzustellen, wie alleine die Schlagzeilen der BILD-Zeitung lauten würden, wenn Deutschland pro Monat zahlreiche Tote zu beklagen hätte und noch viele mehr verursachen täte; wenn sich nach und nach das halbe Kabinett verabschieden würde, weil die Minister allesamt der Öffentlichkeit ihre politische Insolvenz und ihr vollkommenes Scheitern verkünden müssten.
Nichts.
Treffe ich hier auf Desinteresse in seiner reinsten Form? Zumindest scheint sich der wachsende Widerstand gegen den Krieg und seine Verursacher, von dem viele zu berichten wissen, kein Ventil zu suchen.
Befinde ich mich in einem Land, in dem sich jeder nur selber am nächsten ist? Die persönlichen Erfahrungen sprechen bisher eine ganz andere Sprache. So selbstverständlich wie hier bin ich selten mit Wohlwollen in eine fremde Wohnung aufgenommen worden. Das Kernland des wirtschaftlichen Liberalismus präsentiert sich mir gegenüber nicht wie ein Haufen bloßer Egoisten.
Umso mehr verwundert es mich, dass ich den Eindruck nicht loswerde, als tangiere es fast niemanden, wie es um das Fortbestehen der eigenen politischen Gemeinschaft steht. Ausgerechnet in dieser Gemeinschaft, deren Mitglieder mir so zuvorkommend begegnen und deren Symbole geradezu omnipresent die Straßen und Plätze New Yorks schmücken.
„Vielleicht sind die USA ja auch gar nicht im Krieg“ geht es mir durch den Kopf. Fest steht, dass hier jeder Hinweis auf eine militärische Handlung fehlt. Oder anders ausgedrückt: „wer nicht mitmachen will, der macht halt einfach nicht mit.“ Haben nicht einige aus freien Stücken eingewilligt, kämpfen zu gehen? Andere bevorzugen es eben, vor dem Regen Schutz zu suchen und ihre zu groß geratenen Cafés zu schlürfen.
Ich blicke um mich herum und mustere die Gesichter derjenigen, die in meinem Blickfeld sitzen. Vermutlich könnte jeder der hier anwesenden seine Arbeitskraft auf eigene Verantwortung für eine militärische Dienstleistung zur Verfügung stellen – sie tun es halt einfach nicht.
Schließlich bin auch ich, bei genauer Überlegung, in die USA gekommen, um mich in einem spezifischen Alltagsschema zurecht zu finden und weiter zu entwickeln. Vielleicht anders als erwartet, aber ganz bestimmt unabhängig davon, welche Entscheidungen irgendeine Regierung in Washington getroffen hat. “Deren Verordnungen sollten doch nun wirklich für die Fragen meiner Lebensführung keinerlei Rolle spielen. Oder nicht?”
Der Regen lässt langsam nach. Ich entscheide mich dazu, den Bodensatz meines Cafés nicht mehr zu trinken, da mein Magen bereits leisen Protest in Form von Sodbrennen anmeldet. Ich trete also wieder hinaus auf die Straße, öffne meinen Schirm und stelle mich darauf ein, erneut zwischen all den Menschen zu verschwinden, die, genauso wie ich, nach und nach aus ihren Trockenquartieren zum Vorschein kommen.
(Diese Zeilen sind augenscheinlich deutlich zeitversetzt zu dem Eindruck, der ihnen zugrunde liegt, veröffentlicht worden. Nichtsdestoweniger konnte ich bis dato keine Erfahrungen machen, die diesen ersten Einsichten entgegenstehen. Leider.)
Oktober 17, 2007 um 11:48
Danke.
Danke für diesen wunderbaren Beitrag!
Ich finde deine Schilderungen sehr ergreifend. Du schaffst es auf wunderbare Weise dein Erleben in deinen Worten zu transportieren und somit auch ein Stück selbst erlebbar zu machen.
Zum Krieg: Ist es heute so, dass eine Regierung einen Krieg erklären kann und die Bevölkerung entscheidet jeweils individuell, ob sie daran teilnimmt? Wer nicht will, lässt es sein? Jedenfalls eine interessante und vor allem provokante These, bricht sie doch so sehr gegen unser Bild der Demokratie und der individuell-moralischen Verantwortung jedes einzelnen Staatsbürgers für die Handlung seines Staates. Haben wir – zumindest als Europäer – nicht unwiderruflich eingebrannt bekommen, dass wir für das, was unser Staat in der Vergangenheit begangen hat wenn nicht verantwortlich, dann zumindest sensibel sein müssen und dass wir uns mit der Politik unseres Landes insofern identifizieren müssen, dass wir sagen müssen, was uns nicht passt? Quasi die Repräsentanz des Großen im Kleinen?
Vielleicht ist das aber nicht mehr so und des Einzelne ist derart vom Gebilde “Staat” und erst recht “Regierung” dermaßen entfremdet, dass man sagen kann: “Damit habe ich nichts zu tun.” Der resignierte Widerständler in mir kann das durchaus als soziale Realität einstufen. Warum sich mit dem der einen selbst und andere tritt und keine Ohren mehr für die Belange anderer hat auch noch identifizieren?
Vielleicht sind die Amerikaner aber auch von den erlebten Schocks paralysiert und sind eher in einer Phase der Verdrängung des Geschehens. Es spricht auch einiges dafür, dass sie grade auf Grund der eignen Betroffenheit und damit auch ihrer Verantwortung Betroffene und Schuldige sind. Kollektive Verdrängung kann dabei helfen mit dem Thema umzugehen: Nämlich gar nicht. Ist es möglich, dass ein ganzes Land verdrängt, dass es einen Krieg führt, für den sie zwar verantwortlich sind, den sie aber nicht mehr wollen? Vielleicht. Das würde auch erklären, dass die Bush-Administration nach wie vor relativ unbehelligt walten und schalten kann, da sie sich im kollektiven Abseits befinden. Das bedeutet dann eben auch, dass ihnen keiner auf die Finger schauen kann. Letztlich ist es vielleicht so, dass man die Stimme des Widerspruchs erst heben kann, wenn man sich erstens eingesteht, dass man den Krieg in einer Phase der Verletzung (9/11) wenn nicht befürwortet so doch toleriert hat, dass man zweitens viel zu lange schon nichts gesagt hat und man drittens relativ alleine da steht, wenn man nun Kritik übt. Also kehrt man die ganze Sache einfach unter den Teppich und geht einen Kaffee trinken…
Ich freu mich schon auf den nächsten Bericht!
Und ich freu mich natürlich auch über die Verlinkung. Danke.
Oktober 19, 2007 um 4:15
Lieber Enno,
Ich finde es echt schön, dass Du mir stets so detaillierte und reflektierte Kommentare auf meinem blog hinterlässt. Im Folgenden werde ich versuchen, Dir auch angemessen zu antworten.
Ich meine zu wissen, dass die von Dir angesprochene Sichtweise, nämlich dass jedes Individuum eine Verantwortung gegenüber den Entscheidungen des Kollektivs trägt, nach wie vor in den meisten “westlichen” Demokratien geteilt wird.
Man bedenke, dass sich in vielen Ländern Widerstand regte, als bestimmte Kriegsentscheidungen entgegen dem mehrheitlichen Willen der Bevölkerung getroffen wurden. Das heißt natürlich nicht, dass eine Bevölkerung nicht auch hinter einer solchen Entscheidung stehen kann, wie es zu Beginn des Irakkriegs in den USA, aber vermutlich auch im Kosovokrieg in Europa der Fall gewesen ist. Grundsätzlich sollte man also, denke ich, Zustimmung und mangelnde Bereitschaft zum Widerstand klar voneinander trennen.
Ich finde Deine Überlegungen bezüglich der kollektiven Verdrängung zutreffend. Es scheint wirklich erst vor kurzem eine Phase begonnen zu haben, in der sich Personen des öffentlichen Lebens gegen die Außenpolitik der derzeitigen Administration aussprechen können, ohne gleichzeitig mit „ernsteren“ Konsequenzen rechnen zu müssen. Das ist sicherlich ein Fortschritt, der vermutlich erst in Distanz zu 9/11 möglich wurde.
Solche Ereignisse prägen aber überall die mentale Verfassung einer Polis, auch wenn es sich um vermeintlich positive Geschehnisse handelt. Man überlege, wie man sich heute in Deutschland ins gesellschaftliche Abseits stellt, wenn man behauptet, die WM 2006 wäre nichts weiter als der Ausbruch plumpen Nationalismus gewesen (Du weißt ich gehöre zu denjenigen, die diese Meinung nicht teilen, sondern jede Minute des Sommermärchens genossen haben).
Aber wieder zum Thema: was meiner Meinung nach eine große Rolle dabei spielt, dass sich kein merklicher Widerstand gegen den Irakkrieg regt, ist die Tatsache, dass viele Kernbereiche der US-Politik, darunter auch das Militär, gewissermaßen „outgesourct“ worden sind. Vielleicht ist es das, was Du meinst, wenn Du sagst, dass sich die Bush-Administration im kollektiven Abseits befindet.
Schenkt man der hier allgemein verbreiteten Meinung Glauben, war der Vietnamkrieg ausschlaggebend dafür, dass man sich im Pentagon überlegen musste, wie man es in Zukunft schaffen könne, Kriege zu führen, ohne dabei mit schlechten Nachrichten, hässlichen Bildern und großem Widerstand rechnen zu müssen. Die Antwort: Berufsarmee. Mit anderen Worten: das Militär als Unternehmung. Das Problem: wem gegenüber ist eine solche Armee eigentlich verantwortlich? Der Gesellschaft? Der Politik? Den offiziellen Ausstattern, also den Sponsoren?
Grundsätzlich glaube ich, dass man sich als Gesellschaft und als Teil einer solchen für Politik immer nur dann verantwortlich fühlen kann, wenn man ihre direkten oder indirekten Folgen überhaupt zu Spüren bekommt, sowohl positiv als auch negativ. Das ist es doch, was gewissermaßen die Voraussetzung dafür bildet, dass man mit anderen in ein gesellschaftliches Verhältnis lebt. Im modernen Sinne: man hat eine gemeinsame Verantwortlichkeit für diejenigen Entscheidungen, die sich auf die Bereiche, und nur auf die Bereiche einer Gesellschaft beziehen, die jeden einzelnen gleichermaßen betreffen (weswegen es beispielsweise auch verboten ist, ein Gesetz zu erlassen, das ausdrücklich nur auf bestimmte Personen angewandt werden soll).
Das ist in den USA bezüglich der „Verteidigungspolitik“ anders. Die Mitte der Gesellschaft, die Medienpräsenz, die Definitionsmacht und folglich das große Widerstandspotential liegt hier bei denjenigen, für die der Krieg keine Auswirkungen hat. Von einem Tag auf den anderen zu sagen, dass dies nicht mehr „mein“ Krieg ist, ist hier ziemlich einfach, weil es von Anfang an nie „mein“ Krieg gewesen ist und es auch nie sein wird. Wie auch? Weder seine positiven noch seine negativen Folgen kommen in der Gesellschaft an. Erstere werden von denjenigen verwaltet, die an der Spitze der Unternehmung stehen und letztere werden von denjenigen getragen, deren Stimme sowieso keinen interessiert (gewissermaßen ein Vertrag zwischen zwei Pateien, die gleichermaßen im Abseits stehen).
Lange Rede kurzer Sinn: als ich aus Philadelphia die Debatte in Deutschland verfolgt habe, ob die Wehrpflicht abgeschafft werden soll, hat mich das mit meinen bisherigen Erfahrungen aus den USA ziemlich beunruhigt.
Denn wenn eine Gesellschaft sich schon dazu entscheidet einen Krieg zu führen, dann muss sie das auch als Gesellschaft verantworten. Erst dann sind diejenigen, die die negativen Folgen des Krieges tragen werden (die Mehrheit, wegen der paritätisch verteilten Opferbringung) identisch mit denjenigen, die den Krieg beginnen.
Erst wenn die Mutter eines gefallenen Soldaten als gleichwertig erachtet wird und nicht „bloß“ die Reinigungskraft des größten Fitnesscenters im Unkreis ist, die sich die Studiengebühren für ihren Sohn einfach nicht leisten konnte, erst dann kann Verantwortlichkeit überhaupt beginnen. Und ganz im Ernst: hier herrscht die Meinung vor, dass die Armee eine „Super-Chance“ ist, sich ein Studium zu finanzieren, wenn es sich die Eltern nicht leisten können (selbstverständlich von denjenigen vorgetragen, deren Eltern sich ein Studium mehr als leisten konnten).
Ich möchte also noch eine zweite provokante These in den Raum (bzw. ins Netzt) stellen: Die Mitglieder einer Demokratie können (!!) im Kriegsfall nur dann individuell-moralisch für die Handlungen ihres Staates verantwortlich gemacht werden, wenn der Staat eine (gerecht organisierte) Wehrpflicht hat. Letztere entspricht nämlich einer weiteren gesellschaftlichen Legitimationshürde, die im Zweifel viel schwieriger zu überspringen ist, als eine lächerliche 50% Mehrheit im Parlament. Nur durch eine Wehrpflicht wird überhaupt jeder einzelne in die Lage versetzt, eine Abwägung zwischen Krieg und Frieden zu machen. Erst dann kann eine solche Entscheidung zu dem werden, was sie eigentlich ist: zu einem quasi unlösbaren Dilemma, das sich für jedes Mitglied einer Gemeinschaft gleichermaßen als ein solches präsentiert.
In diesem Sinne gibt es meiner Meinung nach in den USA eine mangelnde Bereitschaft zum Widerstand, aber vielleicht gar nicht direkt gegenüber dem Krieg, der nur ein Symptom gesellschaftlicher Realität ist. Der mangelnde Widerstand bezieht sich eher auf die ökonomische Desintegration großer teile der hiesigen Bevölkerung, die diesen Krieg überhaupt erst ermöglicht hat und die sich nach und nach in der Mitte der US-Gesellschaft breit macht.
Ich habe gerade gestern in Paul Krugmans neustem Buch „The Conscience of a Liberal“ gelesen, dass die derzeitige Einkommensverteilung in den USA auf dem Niveau von 1920 angekommen ist. Vielleicht ändert sich ja doch bald etwas.
In diesem Sinne freue ich mich auf weitere und streitbare Kommentare und wünsche Dir noch ein schönes Wochenende!
Gruß
Oktober 23, 2007 um 12:42
Ich stimme dir in deiner Analyse zu. Ich denke, dass grade das “Outsourcen” der Kriegsmaschinerie dazu führt, dass die Bevölkerung in deren Namen ja letztlich Krieg geführt wird, eigentlich davon befreit wird eine Meinung zu entwickeln oder diese gar zu vertreten. Ich bin ein Befürworter der Desintegrationsthese.
Ob die Wehrpflicht dabei allerdings einen Ausweg bieten kann, muss zumindest kritisch hinterfragt werden. Ich möchte hierbei vor allem auf die Differenz von Selbst- und Fremdbeschreibung zum Thema Wehrpflicht hinweisen.
Die Integration der Armee in das Volk und die damit verbundene “Humanisierung” und Besonnenheit ist immer schon ein starkes Argument für die Wehrpflicht gewesen und ist es immer noch. Ich halte das aber für größtenteils Selbstbeschreibungssemantik, die eher normativ zu verstehen ist. Nämlich, so, dass dies so sein sollte. Die Integration der Armee in das Volk durch die Wehrpflicht ist ein frommer Wunsch. Mehr leider nicht, wenn man mit den “Realitäten” konfrontiert wird.
Tatsächlich kommt eine Fremdbeschreibung der Rekrutierungspraxis der deutschen Armee dahin den von Beginn an im Rahmen der Wehrpflicht durchgeführten Selektionsleistung offen zu legen. Die Bundeswehr sortiert sehr rasch in zwei Lager: Kommandanten und Kanonenfutter und zwar analog dem sozialen und persönlichen Status der “Bewerber”. Die Bundeswehr hatte im Prinzip immer schon ein Mangel an Führungskräften, den man nicht wie in anderen Bereichen, durch gut qualifizierte Ausländer besetzen kann. Vielmehr muss die Riege der Generäle aus der Mitte des Volkes rekrutiert werden, weil sonst niemand den Job machen würde. Dazu braucht es in erster Linie die Wehrpflicht. Die weniger Priviligierten kommen schon von alleine (und zwar aus den gleichen Gründen wie in den USA) zur Armee. Ihnen wird auf Basis ihrer Qualifikation ein überaus hoher Vergütungswert angeboten. Damit allein kann man aber keine “Armeemanager” ködern, da diese in der Regel eher kritischer und freigeistiger sind und sich dann auch bei geringerer Verdienstmöglichkeit lieber woanders anstellen lassen, als bei der Armee.
Dass dies nicht einfach nur dahergeredet ist, belegen die Rekrutierungszahlen und Wehrpflichtungen der letzten 20 Jahre. Es wird erstens nur noch ein unterdurchschnittlich geringer Anteil der jungen Männer eingezogen (ca. 25%: http://www.wehrpflicht-abschaffen.de/index.php?seite=argumente). Schaut man sich dabei die soziale Verteilung an wird deutlich, dass von den Eingezogenen ein überproportionaler Anteil an Abiturienten zum Dienst an der Waffe gezwungen wird. Natürlich, um für eine Karriere bei der Armee zu werben…
Das in der Selbstbeschreibung formulierte Ziel der integrierten Armme halte ich für eine nicht erreichbare Utopie. Damit wäre das zentrale Argument für die Wehrpflicht ersteinmal hinfällig und man müsste sich dann etwas anderes einfallen lassen, damit die Regierungsadminitration nicht mehr im Abseits entscheiden kann. Dem Volke die Schmerzen des Krieges wieder nahe zu bringen und dafür die Wehrpflicht stark zu machen halte ich vor diesem Hintergrund eher als einen Schritt zurück in der Geschichte…
Grüße
Enno
November 18, 2007 um 9:01
Leider entdeckte ich erst heute den zweiten Beitrag von philojay , den ich samt der Diskussion mit Enno mit Interesse gelesen habe.
Ich bin seit zwei Wochen in Washington und lese die Washington Post und rede mit dem einen oder anderen Amerikaner. Dabei gewinne ich einen etwas anderen Eindruck als Ihr beide. Ich lese wohl Artikel ueber gefallene Soldaten oder ueber die Tausende von Irakern, die nach Syrien geflohen sind und auf eine Einreise nach USA warten. Es sind Personen, die im Irak fuer oder mit den Amerikanern gearbeitet haben und Todesdrohungen erhielten. Es ist zu lesen, dass von Okt. 06 bis Okt. 07 1,636 Iraker Aufnahme in den USA gefunden haben, zu einer Zeit als etwa 3.000 Iraker taeglich aus dem Irak flohen. Im naechsten Jahr will Amerika 12.000 Iraker aufnehmen. Allerdings sind 2,2 Iraker schon im Ausland.
Menschenrechtsgruppen halten diese Anzahl fuer zu gering, zumal die US 1 Million Vietnamesen, 6oo,000 aus der ehemaligen Sowjetunion und 157.000 aus Bosnien und Kosovo aufgenommen haben. Nachzulesen in der WP vom 17. Nov. auf seite 1 uns Seite 14.
In der selben Ausgabe sind die Ïraq Casualities aufgefuehrt: 3.840 getoetete und 28,385 verwundete Amerikaner, 158 zivile Opfer (Leute, die beim Aufbau des Landes halfen) auf amerikanischer Seite. 304 Tote hatten Grossbritanien und andere Verbuendete zu beklagen. Iraks zivile Opfer werden auf 75.971 bis 82.776 geschaezt.
Auch darf man nicht vergessen, wieviel Geld dieser Krieg kostet und dass das auf Kosten der Bevoelkerung geht, was diese auch weiss und spuert.
Neulich bezeichnete ich in einem Gespraech mit einem Amerikaner die augenblickliche Situation als eine Tragoedie, weil auch eine zukuenftige Regierung, gleich welcher couleur, nicht einfach die Soldaten aus dem Irak abziehen kann. Mein Gespraechspartner sprach laenger mit mir ueber diese Situation, aus der er auch keinen Ausweg weiss, und sagte: “‘ That is a real nightmare.”"
In Erwartung weitere Diskussionsbeitraege gruesst Ingrid