Die erste Konfrontation in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten entpuppt sich als sinnstiftendes Ereignis. Spätestens der grimmige Zollbeamte liefert mir die Antwort auf die Frage, warum ich den langen Weg über den Atlantik überhaupt auf mich genommen habe.
Verhältnismäßig entspannt steige ich aus der Air France Maschine 006 aus Paris Charles de Gaulle. Das Essen war im Vergleich zu anderen Fluggesellschaften geradezu vorzüglich, ich konnte gut schlafen und kurz vor der Landung habe ich festgestellt, dass ich die ganze Zeit über neben einem angehenden Assistant Professor of Ancient Philosophy an der Brown University saß.
In einer anregenden Unterhaltung stellt sich heraus, dass er ein guter Kenner der USA ist, dem es gelingt, die ein oder andere meiner verbliebenen Unsicherheiten zu beseitigen. So schreiten wir eine Weile gemeinsam durch die langen Gänge des John F. Kennedy International Airport, bis wir zu einer Halle gelangen, in der wir der Kategorie ‘Non US citizens’ zugeteilt werden.
Brav stellen auch wir uns in die Schlange zu all den anderen Ausländern. Er erklärt mir, dass ich anfangen müsse umzudenken: einen Sicherheitsbeamten solle ich ab jetzt nur noch mit „sir” anreden, um ihm Unterwürfigkeit zu demonstrieren. Ihm zu zeigen, dass er der Chef ist, sei meine erste Pflicht; „erst dann lassen die überhaupt mit sich reden.“ Ich fühle mich unwohl, unterlagen staatliche Autoritäten in meinem bisherigen Leben doch stets der Kategorie „verhandelbar“.
Der Zollbeamte winkt mich zu sich. Freundlich sieht anders aus. Ich gehe auf ihn zu und muss zuvorderst meinen rechten und dann meinen linken Zeigefinger auf eine Glasfläche legen. Mir wird die Übereinstimmung mit denjenigen Fingerabdrücken bestätigt, die ich erst wenige Wochen zuvor an der US-Botschaft in Berlin bereits abgeben musste.
„Puhh. Glück gehabt. Undenkbar, was passiert wäre, hätte der Computer etwas anderes behauptet.“
Gut nur, dass die verwendeten Lesegeräte offensichtlich nicht sehr sensibel auf Feuchtigkeit reagieren. Es ist schwer vorstellbar, dass überhaupt irgendjemand in der Lage wäre, einen festen, geschweige denn trockenen Händedruck zu spenden während er sich quasi unverwechselbar den US-Sicherheitsbehörden preisgibt. Im Zuge dieser Selbstoffenbarung blickt man nämlich nicht in die Augen eines unter Umständen menschlichen Wesens, sondern in das Objektiv einer Kamera. Einer kleinen und runden web-cam, wie man sie serienmäßig für wenig Geld bei ebay ersteigern kann. Diese Kamera ist an einem Schreibtischlampenhalter-ähnlichen Gebilde befestigt und kommt schlangenförmig hinter dem Tresen des Beamten hervor.
Es soll, glaube ich, der Eindruck erweckt werden, als würde die Kamera mit dem Beamten verwachsen sein und stelle naturgemäß sein drittes Auge dar. Dieser Anschein verstärkt sich dadurch, dass Kamera und Beamter sich mir gegenüber identisch verhalten. Beide zeigen sie die gleiche emotionale Regung, als ich ihnen ein scheues “Hello sir“ und später ein schon etwas selbstbewussteres “Thank you sir. Good bye sir.“ entgegen bringe: Sie schweigen einfach.
Auch scheinen beide an diesem Tag besonders wenig zum Spaßen und Plaudern aufgelegt während sie in fairer Arbeitsteilung meinen Pass und mein Gesicht mustern.
„Was würde eigentlich passieren, wenn ich den beiden sagen müsste, dass mein linker Zeigefinger ausgerechnet heute ‚unavailable’ wäre? Müsste ich das Land sofort wieder verlassen? Und wenn ich mal anmerken würde, dass ich ihren Präsidenten für einen Bekloppten halte? Sie wären bestimmt nicht besonders „amused“! Ist es eigentlich unangemessen jetzt zu lächeln?“
Um mich herum entdecke ich zahlreiche Menschen, die, genauso wie ich, nervös und verunsichert wirken. Wir, die wir als ‘Non US citizens’ gehandelt werden und in einer Reihe stehen, verfolgen alle das gleiche Ziel: unbeschadet durch diese Passkontrolle zu gelangen und die vielleicht letzte Hürde einer langen Reise zu überwinden.
Man kann durchaus sagen, dass wir uns alle in dem Gefühl der Beklommenheit ein Stückchen näher kommen. Vielleicht ist es nur ein kurzer Augenblick, in dem wir uns miteinander verbunden fühlen, aber es werden in dieser Halle des JFK-Flughafens mehr Sympathiebekundungen ausgetauscht, als auf mancher Spendengala, die das ZDF überträgt.
Man nickt sich milde zu und schaut mitleidig drein, wenn eine Mutter mit ihren zwei Kindern in forschem Ton dazu aufgefordert wird, noch ein Dokument aus ihrem überfüllten Rucksack zu kramen. Und noch eins. Und noch eins. Wenn eine ganze Familie nach einer Stunde Wartezeit dazu genötigt wird, sich in der Schlange noch mal ganz hinten anzustellen, weil sie ein Dokument vergessen hat auszufüllen.
Uns allen werden hier klare Grenzen gesetzt und es scheint, als läge der weitere Verlauf unseres Schicksals für einen kurzen Augenblick in der Hand eines ruppigen Zollbeamten und seiner kleinen lächerlichen und dennoch so einschüchternden webcam.
Ich frage mich, in welchem Zustand sich eigentlich ein Land befinden muss, damit es seine Gäste und Besucher in dieser Form begrüßt? Schwer vorstellbar, dass sich andere Länder ein solches Verhalten erlauben könnten, ohne dass die Warteschlangen vor den Schaltern ihrer Zollbeamten immer kürzer werden. Hier scheint die ganze Welt unter Generalverdacht gestellt zu werden. Auch ich gehöre zu den 5,7 Milliarden üblichen Verdächtigen.
Es fällt mir schwer, das, was sich hier abspielt, einzuordnen.
Mir gehen zwar in diesem Augenblick Fetzen von Berichten durch den Kopf, mit denen auch wir Europäer seit dem 11. September überflutet wurden: Von einem Land in Angst und Panik war stets die Rede. Von einer Nation, die an ihrer sensibelsten Stelle getroffen wurde und sich einem Feind gegenüber sieht, der nicht so recht aus der Deckung kommen möchte. Aber irgendwie genügen mir in diesem Augenblick die gängigen Erklärungsmuster nicht.
Hier hat sich ein ganzes Volk verbarrikadiert – vor allen.
Und vor allem scheint es das entgegen allen Grundsätzen getan zu haben, die dieses Land, zumindest der Literatur nach, zu dem verholfen haben, was es ist. Dass nur ein einziger Tag für diesen Stimmungswandel ausschlaggebend sein soll, kann ich mir in diesem Moment einfach nicht vorstellen.
Und so nehme ich mir alleine aus Trotz heraus vor, zu entdecken, wie glorreich wohl die Welt auf der anderen Seite dieser Pforte sein muss, damit man meint, man müsse sie vom Rest der Menschheit quasi fernhalten. Auch ich möchte wissen, warum Erwachsene in aller Öffentlichkeit jeglichen Selbstrespekt verleugnen, um auf der anderen Seite dieser Pforte fortschreiten zu können.
Es ist dies der Gedanke, der mich augenblicklich zu einem von denjenigen vielen macht, die suchen. Vielleicht ist es in meinem Fall nicht das große Glück und bestimmt nicht das große Geld; aber ich erhebe für mich selbst zum ersten Mal den Anspruch, von den USA überwältigt werden zu wollen.
Alles andere wäre jetzt nur noch eine Enttäuschung.
September 12, 2007 um 12:22
hey jakob,
habe die adresse von deinem blog (?) aus studivz.
gut geschrieben – mehr!
hast du schon neue erkenntnisse gewonnen?
gruß
mirja
September 16, 2007 um 4:00
Hallo Jakob!
Es freut mich sehr, dass du hier anfängst zu bloggen. Und dann noch auf diesem formidablem Niveau! Das lässt auf mehr hoffen. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen.
Die Episode zur Webcam ist m. E. sehr gut gelungen, weil sie den Aberwitz in das Vertrauen (und vor allem in die Wirkung) des Technikeinsatzes zeigt. Zumal auch die Beamten zunehmend zu Lakaien ihrer Geräte werden.
Aber es ist schon erstaunlich, dass sich das Land dermaßen abschottet. Umsomehr freut es mich zu hören, dass du dich zu einer „trotzigen“ Reaktion entschieden hast. So solltest du in der Lage sein, auch die andere Seite dieses Landes und ihre kritischen Menschen kennen zu lernen. Denn von denen soll es doch einige geben, erst recht im universitären Kontext.
Ich hoffe, dass du trotz deiner vielen Verpflichtungen in regelmäßigen Abständen dazu kommen wirst hier mit ein paar Worten deine Erlebnisse zu schildern. Vielleicht sind die amerikanischen Maßstäbe von „viel an der Uni zu tun“ doch nicht so hoch, wie es sich aus dem deutschen Guckloch vermuten ließ. Ich würde dir auf jeden Fall wünschen, dass du nicht nur in Verplichtungen versinkst, sondern dir Zeit nehmen kannst für die anderen wichtigen Dinge im Leben. Den Feed deines Blogs habe ich soeben abonniert, sodass ich immer auf dem Laufenden bin.
Lass es dir gut gehen und halte dich wie immer offen für Neues!
Viele liebe Grüße
Enno
September 29, 2007 um 2:43
Hallo Jakob,
Sehr gut und weiter so!
Wir werden wahrscheinlich das gleiche Gefühl durchleben, wenn wir in vier Wochen vor dieser Kamera stehen.
Freue mich zu hoeren wie Dein Weg weitergeht.
Wuensche Dir positivere Erfahrungen.
Bis bald Gruss aus dem Spiessweg
Anne
September 29, 2007 um 9:31
Hallo Jacob, netter Bericht. Muss aber gestehen, dass ich auch bei schon mehrfacher Einreise (mit dem selben F-1 wie du) mich nie so unwohl gefühlt habe – obwohl ich auch alles andere als ein Fan von Fingerabdrücken etc. bin. Habe allerdings nie irgendeinen Beamten mit Sir angeredet, ohne dass das irgendwelche Probleme bereitet hätte. Die web-cam ist übrigens dazu da, ein Foto zu machen – und da bin ich eher froh, dass der Beamte das nicht mit seinen bloßen Augen tun kann. Übrigens, auch mein Vater hatte an der Paßkontrolle keine Probleme, obwohl ihm tatsächlich der linke Zeigefinger fehlt. Gebe gern zu, dass eine relativ reibungslose Kontrolle auch dem deutschen Pass und dem F-1 Visum zu verdanken ist. Aber ich glaube, Leuten mit ost- oder nichteuropäischen Pass geht es bei einer Einreise nach Deutschland auch nicht viel besser. Viel Spaß beim weiteren Erfahrungen sammeln, wir werden uns sicher mal auf dem Campus über den Weg laufen. Conny