New York hat mich auf den ersten Blick zu einem ihrer vielen Jünger gemacht. Es war geradezu so, als hätte ich eine Begegnung mit dieser Stadt schon lange herbeigesehnt und so ließ ich mich, berauscht von den ersten Impressionen, in ihrem Meer aus Beton, Stahl und Glas treiben. Doch nebst der Faszination bescherte mir die Stadt auch Einsichten, die mich zutiefst beunruhigten.
euphoria
Es ist der Tag nach meiner Ankunft und ich stürze mich in das Gedränge Manhattans. Ich will wissen, was es mit dieser sagenumwobenen Metropole auf sich hat, und ob sie hält, was sie in den Geschichten vieler Freunde und Bekannter verspricht.
Sie hält es.
Völlig hingerissen von der Vielfalt der Hautfarben und Sprachen und von der Imposanz der tiefen Häuserschluchten bewundere, begutachte und staune ich in wechselnder Reihenfolge immer und immer wieder.
Zuvorderst ist es sicherlich die Ästhetik des Überdimensionalen, die mir eine ungeheure Ehrfurcht einflößt. Vom Café, den ich als 0,75 Liter Portion serviert bekomme, weil ich aus Versehen medium statt small (was konsequenterweise tall geheißen hätte) bestellt habe. Über den Krankenwagen, der trotz eingeschalteter Sirene nicht vom Fleck kommt, weil er schlichtweg zu breit für die engen Straßen ist, bis zu den Betonwänden, die mich immer nur einen Ausschnitt des Himmels sehen lassen. Die puren Dimensionen dieser Weltstadt bewirken, dass meine Vorstellung von Urbanität in einem neuem Licht erscheint.
Doch ist das nicht alles.
Auch New Yorks Lässigkeit stellt dasjenige in den Schatten, was ich bisher zu Gesicht bekam:
dass ein Mann mit Kippa, qualmender Zigarre und lauter Elektromusik in seiner Mercedes M-Klasse die 6th Avenue runterdonnert und ein sichtlich angestrengter Chinese ihm mit seinem Pritschenwagen voller Kisten und Holz auf gleicher Straße folgt, erscheint einem hier nicht als Widerspruch.
Im Gegenteil! Denn daneben wirbt ein Juwelier mit deutschem Namen auf einer Werbetafel für seine Diamantensammlung, während derweil ein einsamer Musiker versucht, Kostproben seines neuen hip-hop Albums zu geben, das man vor Ort gleich für 10$ kaufen kann. Alleine dass diese Szenen parallel ablaufen und schon 20 Meter weiter eine Tanzgruppe ihre Koreographie einstudiert, verleiht diesem Ort die Aura eines multikulturellen Urknalls, in dessen Angesicht ich selbst Worte meines Basiswortschatzes (cool!!) einer neuen Definition unterziehen muss.
Hier ist auf den ersten Blick niemand aus Gründen, für die er nichts kann, Fehl am Platze. Jede Form des menschlichen Daseins wird mit einer Selbstverständlichkeit hingenommen, die mich zutiefst bewegt.
Doch trotz meiner euphorischen Stimmungslage, macht sich in mir schon seit meiner Ankunft eine Ahnung der Unbehaglichkeit breit. Kurioserweise, und das irritiert mich zusätzlich, leite ich dieses mulmige Empfinden in keiner Weise aus den Menschen oder der Stadt an sich ab. Vielmehr kommt es mir sogar so vor, als würde meine Bewunderung für New York meine Beklommenheit eher verstärken.
cogitatio
Es beginnt an diesem Nachmittag in Strömen zu regnen und so suche ich Zuflucht in einem der zahlreichen bagel-shops Manhattans. Ich bestelle einen Café, kaufe die New York Times, lese zwei oder drei Artikel, die mir interessant erscheinen und verbringe doch letztenendes die meiste Zeit damit, verträumt dem fesselnden Gewusel auf der Straße hinterher zu schauen.
Zum ersten Mal seit meiner Ankunft komme ich wirklich zur Ruhe und lasse die Welt samt meiner Gedanken an mir vorbeiziehen. Es amüsiert mich in diesem Augenblick ungemein, daran zu denken, dass es überall auf der Welt eine Vorstellung von Normalität gibt und dass jeder stets auf die Besonderheit seiner Normalität pocht.
Auch hier scheint im Augenblick alles so wie immer zu sein: die Taxis biegen emsig in die unzähligen Einbahnstraßen ein, die Gullis dampfen vor sich hin, fast jeder hat es unglaublich eilig und ich sitze auf einem Fensterplatz, auf den sich vielleicht schon jemand anders gefreut hatte.
Seit über einem Jahr habe ich auf diese Reise hingearbeitet und mich wochenlang vorbereitet und ich bin doch nur wieder im Alltag angekommen – auf der anderen Seite des Atlantiks. Für einen kurzen Augenblick beruhigt mich dieser Gedanke, zumal ich auf Anhieb einen großen Gefallen an dem finde, was ich hier als Alltag ausmachen kann.
Alltag.
An das, was normal ist, habe ich seit meiner Ankunft noch gar nicht gedacht – gar nicht denken können – war ich doch stets mit dem für mich Außergewöhnlichen beschäftigt.
Schlichtweg Alltag. Nicht mehr und auch nicht weniger.
Es geht mir durch den Kopf, wie ich kürzlich noch in Berlin überlegte, was mich wohl auf der anderen Seite des Atlantiks erwarten würde, und dabei fällt mir auf, dass ich primär davon ausgegangen bin, in einem Land anzukommen, dass sich im Kriegszustand befindet. Damit mich keiner falsch versteht: ich war nicht so naiv zu glauben, dass ich in New York oder Philadelphia ausgebombte Häuser vorfinden würde. Meine Erwartungen waren eher abstrakt und ich hatte mir ausgemalt, dass der Krieg hier so etwas wie das implizite Vorzeichen aller gesellschaftlichen Realität sein würde. Ich war mir sogar sicher, dass ich ein Land antreffen würde, welches von seinen politischen Fahlentscheidungen der letzten Jahre gezeichnet ist. Ein Land, das mit sich selber am Hadern ist, weil die Einteilung der Welt in ‚gut’ und ‚böse’ immer mehr zu einer lächerlichen Floskel verkommt.
Aber Alltag? Daran hatte ich zugegebenermaßen nie gedacht.
Das mulmige Gefühl, das mich seit meiner Ankunft am Flughafen bereits begleitet, konkretisiert sich nun mehr und mehr. Wahrlich unzählige Male und zeitweise ausschließlich habe ich in den letzten vier Jahren das Wort “Krieg” im Zusammenhang mit den USA gehört, gelesen oder selber in den Mund genommen und dabei stets ganz bestimmte Assoziationen entwickelt: Unruhe, Turbulenzen, Verzweiflung, Zerstörung, Tot.
Aber Alltag? Nein.
Und plötzlich, da ich die USA mit meinen eigenen Sinnen wahrnehme, will mir partout nichts auffallen, was auch nur im Entferntesten auf einen Krieg hindeutet. Kein Plakat, keine Aufkleber und bisher auch keine Tageszeitung, die diesem Thema auf ihrer Titelseite Aufmerksamkeit widmet.
Nichts. Alltag.
Ich versuche mir vorzustellen, wie alleine die Schlagzeilen der BILD-Zeitung lauten würden, wenn Deutschland pro Monat zahlreiche Tote zu beklagen hätte und noch viele mehr verursachen täte; wenn sich nach und nach das halbe Kabinett verabschieden würde, weil die Minister allesamt der Öffentlichkeit ihre politische Insolvenz und ihr vollkommenes Scheitern verkünden müssten.
Nichts.
Treffe ich hier auf Desinteresse in seiner reinsten Form? Zumindest scheint sich der wachsende Widerstand gegen den Krieg und seine Verursacher, von dem viele zu berichten wissen, kein Ventil zu suchen.
Befinde ich mich in einem Land, in dem sich jeder nur selber am nächsten ist? Die persönlichen Erfahrungen sprechen bisher eine ganz andere Sprache. So selbstverständlich wie hier bin ich selten mit Wohlwollen in eine fremde Wohnung aufgenommen worden. Das Kernland des wirtschaftlichen Liberalismus präsentiert sich mir gegenüber nicht wie ein Haufen bloßer Egoisten.
Umso mehr verwundert es mich, dass ich den Eindruck nicht loswerde, als tangiere es fast niemanden, wie es um das Fortbestehen der eigenen politischen Gemeinschaft steht. Ausgerechnet in dieser Gemeinschaft, deren Mitglieder mir so zuvorkommend begegnen und deren Symbole geradezu omnipresent die Straßen und Plätze New Yorks schmücken.
„Vielleicht sind die USA ja auch gar nicht im Krieg“ geht es mir durch den Kopf. Fest steht, dass hier jeder Hinweis auf eine militärische Handlung fehlt. Oder anders ausgedrückt: „wer nicht mitmachen will, der macht halt einfach nicht mit.“ Haben nicht einige aus freien Stücken eingewilligt, kämpfen zu gehen? Andere bevorzugen es eben, vor dem Regen Schutz zu suchen und ihre zu groß geratenen Cafés zu schlürfen.
Ich blicke um mich herum und mustere die Gesichter derjenigen, die in meinem Blickfeld sitzen. Vermutlich könnte jeder der hier anwesenden seine Arbeitskraft auf eigene Verantwortung für eine militärische Dienstleistung zur Verfügung stellen – sie tun es halt einfach nicht.
Schließlich bin auch ich, bei genauer Überlegung, in die USA gekommen, um mich in einem spezifischen Alltagsschema zurecht zu finden und weiter zu entwickeln. Vielleicht anders als erwartet, aber ganz bestimmt unabhängig davon, welche Entscheidungen irgendeine Regierung in Washington getroffen hat. “Deren Verordnungen sollten doch nun wirklich für die Fragen meiner Lebensführung keinerlei Rolle spielen. Oder nicht?”
Der Regen lässt langsam nach. Ich entscheide mich dazu, den Bodensatz meines Cafés nicht mehr zu trinken, da mein Magen bereits leisen Protest in Form von Sodbrennen anmeldet. Ich trete also wieder hinaus auf die Straße, öffne meinen Schirm und stelle mich darauf ein, erneut zwischen all den Menschen zu verschwinden, die, genauso wie ich, nach und nach aus ihren Trockenquartieren zum Vorschein kommen.
(Diese Zeilen sind augenscheinlich deutlich zeitversetzt zu dem Eindruck, der ihnen zugrunde liegt, veröffentlicht worden. Nichtsdestoweniger konnte ich bis dato keine Erfahrungen machen, die diesen ersten Einsichten entgegenstehen. Leider.)